Das Force Attack 2007 in Behnkenhagen ____________________________mehr Berichte hier
Force Attack 2007

 

Freitag

Zum dritten mal auf´s Force Attack! Tolle Sache: alles sehen, was Rang und Namen hat; tausend Freunde und Bands treffen; saufen bis der Arzt kommt oder Volker in durchsichtige Plastiktüten kotzt; sich das volle Brett geben und zum Erholen in den Backstagebereich flüchten; die Sanitäter beim Dauereinsatz beobachten (und auch bemitleiden!); überhaupt mal wieder richtig auf die Kacke hauen!

Wir sollten diesmal schon am Freitag spielen und zum ersten mal im Zelt. Dazu ohne unseren rundlichen Gottkaiser, der zur kirchkichen Hochzeit seiner Base 5. Grades oder so musste...wir glauben ja, dass ihm so eine Hochzeit eigentlich ziemlich egal ist, er will nur lecker essen.

Ansonsten wollte Hans direkt von seinem Urlaubsort zum Festival kommen. So fuhren wir zu 4 plus Claudia los, 5 ½ Stunden über die Autobahnen dieser merkwürdigen Republik.

Auf den letzten Metern begleiteten wir die Regionalbahn neben der Bundesstraße, aus der auf dem Bahnsteig Rövershagen hunderte freudetrunkene Punker plumpsten, direkt vor die Füße erfreuter Bullen und Bahnbediensteter, die wacker und verstört an Bahnübergängen Wache hielten.

Auf dem gesamten Weg zum Gelände konnten wir bunthaarige Leute beobachten, die tapfer schwere Bierkästen in ihren ansonsten mageren und nicht gerade arbeitsgewohnten Ärmchen über viele Kilometer schleppten...oder zogen, wie tote Hunde an Seilen.

Wir sahen ganze Trupps, bei denen das einzige weibliche Gangmitglied den Nachschub tragen musste, während die Kerle gröhlend voran wankten.

Wie bei den Islamisten, dachte ich mir.

Überhaupt kamen wir zu der Erkenntnis, dass der Unterschied zwischen voll besoffenen Punkern und fundamentalistischen, völlig durchgeknallten Selbstmordbombern recht klein ist bei genauer Betrachtung und dialektischer Analyse.

Das sehen wohl auch die Cops so, die sehr gewissenhaft die Autos rauswinkten und kontrollierten.

Trotzdem kamen viele Drogen anscheinend aufs Gelände, wie der Zustand der meisten Besucher später offenbarte.

Wir kamen gerade rechtzeitig zu der Rügener Band COR an, die ich ganz gut fand. Etwas zu metallmäßig für meinen Geschmack, aber sehr überzeugend, mit guten Ansagen und ich glaube, die meinen das ernst. Supi.

Das Fest ist sichtlich größer geworden, eher 15000 Leute als 10000, fast ein wenig unübersichtlich. Deutlich mehr Stände, professioneller, irre viele Zelte und im Backstagebereich ist es bei Weitem nicht mehr so locker und heimelig wie früher. Schade.

Chefdenker habe ich nur am Rand bemerkt, die anderen sagten, dass der Auftritt chaotisch war, aber lustig. Volker singt auch in seiner Freizeit immer die Texte dieser Kapelle, von daher weiss ich, dass die wohl witzig und geistreich sind. Einen tollen Bart hatte der Sänger...

Wir bauten unsere Zelte auf und warfen das morgens für 25 Euro bei Real gekaufte Scheissding gleich in den Müll. „Kaufste billig, kaufste doppelt“, sagt Fucker immer („what´s your name in english?“, fragte jemand auf dem Balkan unseren guten Vokke...).

Die Dödelhaie waren auch okay, bisschen viel Gelaber fand ich, aber Punkrock gerade heraus, also gebongt.

Fast alle Bands haben nur 45 Minuten, von daher muss man ein gutes Gleichgewicht finden zwischen gar keinen Ansagen und zuviel Gerede statt Musik. Nun ja.

Distemper spielten vor uns im Zelt, das war klasse. Skapunk straight from hell, ähh, Moskau. Leid tat uns der Antänzer in der Hundemaske, das war bestimmt sehr warm darunter. Immerhin hat er das Teil nach dem Gig trocken geföhnt, aber bis dahin tapfer durchgehalten. Wenn ich mit meinen 100 Kilo Kampfgewicht so ein Ding tragen müsste, würde ich schon beim Rumstehen umfallen.

Die Jungs fragten uns nach unserem Auftritt, ob wir mal nach Moskau kommen würden, um mit ihnen zu spielen. Dabei erwähnten sie, dass nur das eine gute Idee ist, da andere Veranstalter nicht garantieren können, dass nicht die Faschos auftauchen und alles platt machen.

Russland ist ein heisses Pflaster.

Die Boxhamsters auf der Hauptbühne hörte ich nur von Weitem, klang aber irgendwie jammerig. Was ist los mit den Hardcore – Heroen des Ox-Magazins? Müde? Naja egal, wir hatten mittlerweile aufgebaut und waren gut in Stimmung, zumal ein ganzer Schwung Freunde schon wartete, z.B. die ganze Gang aus Ostsachsen.

Wir spielten auf und schnell war das Zelt voll. Gute Stimmung, guter Gig, alles super, nur dass Mike fehlte und wir Human Scum deshalb nicht spielen konnten.

Die Soundleute und Mischer auf dem Force Attack sind jedenfalls nicht nur sehr gut und souverän, sondern auch noch total nett. Immer wieder prima!

Mad Sin waren danach auf der Hauptbühne dran und haben einen tollen Auftritt hingelegt, vielleicht die beste Band des Festivals (habe bei Weitem nicht alle gesehen).

Die Schnitter habe ich verpasst, da Volker, Sauer und ich hinter dem Zelt in Rekordzeit mit Micha vom Plastic Bomb eine Flasche Jägermeister vernichtet haben, wobei Micha nur Bier trank.

Ich musste nach noch ein paar Bier schnell ins Bett, wollte mir aber vorher noch schnell die Casualties rein tun. Auf die hatte ich mich voll gefreut und wurde voll enttäuscht.

Scheiss – Sound, zumindest in meiner Ecke, und totaler Klischeepunk. Dazu passte die uns später geheim übermittelte Insiderinfo, dass die Jungs daheim ein Spiesserleben führen, sich die Haare schneiden und die Klamotten wechseln, um dann auf Tour den totalen Punk zu propagieren.

Ob das stimmt sei mal dahin gestellt, aber ich fands unbefriedigend, keine Seele drin.

Vielleicht hatten sie nur einen schlechten Tag, was weiß ich.

Die Commandantes erlebte ich leider nicht mehr, die sind eigentlich immer witzig. Komatös lag ich im Zelt.

 

Samstag

Leider wachte ich total früh auf und irrte über das Gelände. Da war es alles wie früher: die letzten Überlebenden vor dem Totalkoma am Bierstand, irre laute Musik bei der Disko und daneben integere Frühaufsteher mit dem ersten Kaffee, so wie ich.

Für alle, die denken, im Backstage ist das Paradies: es gibt genau 10 Biermarken pro Person, Essen für einen Tag und vor allem: kein fliessendes Wasser, nicht mal mehr die kalten Duschen von früher.

Dafür war es im Publikum vertraut: Betrunkene, Pinkelnde, Prügelnde, Gröhlende, Blutende, Wirre, alles, was das Punkerherz begehrt.

Wir bauten schlaftrunken unseren Stand links neben der Hauptbühne auf, genau da, wo gestern der Hauptpinkeltreff war. Heftiger Geruch, aber keine Alternative.

Also tapfer aufgebaut und schnell trafen die ersten Kumpels und Gefährten ein, aus Ostsachsen, Sebnitz und Mannheim. Wir gaben alle eine Runde Bier nach der anderen und es war total klasse.

Einige Leute haben mittlerweile unser Logo als Tattoomotiv, ein Punk läßt es sich sogar von seinem Stiefvater stechen. Vorbildlich, Männer, weiter so.

Der Stand war umlagert, es gab viel zu lachen und irgendwann musste der eine nette Mann mit dem Hut kotzen. Seine – ähem - „Freunde“ jubelten ihm zu, riefen „da geht noch was“ und „hau ihm in den Bauch“ und siehe da: es ging wirklich noch einiges. Gemein, aber sehr lustig, vor allem die Fotos.

Irgendwann verschwanden alle, wahrscheinlich für ein kleines Schläfchen, während wir weiter die Stellung hielten und Biere in uns rein schütteten. Das ging eigentlich bis in die Nacht so weiter.

Zur Mittagszeit geschah etwas Irres: die Pogopartei (ein APPD – Ableger) stellte sich auf der Hauptbühne vor, um den Europawahlkampf einzuläuten. Wer es nicht gesehehn hat, wird es nicht glauben: ein schrecklicher Song mit keineswegs jugenfreiem Inhalt wurde immer wieder voller Enthusiasmus zum Besten gegeben, dazwischen tanzten Punker herum und schwangen absolut wirre Reden, so richtig irres Zeug. „Fickminister“ erklärten ihre Programme, Punkerinnen entkleideten sich und grüßten ihre Mutti und als absoluter Höhepunkt kam W. Wendlandt von den Kassierern auf die Bühne, redete und zog sich aus.

Es war desolater Irrsinn, aber ich hatte Tränen in den Augen vor Lachen.

Letztes Jahr gab es wohl heftige Auseinandersetzungen mit der APPD auf dem Gelände und sogar Messerattacken, da verstehe ich natürlich gar nix mehr.

Mir scheint, die Pogopartei besteht aus Irren, aber die kann man bestimmt genausogut wählen wie die Verbrecher aus den etablierten Verbrecherklubs, die meinen eigentlich das Gleiche, drücken es nur anders aus.

Die armen Vageenas mussten nach dieser Show des ultimativen Schwachsinns loslegen, haben die Situation aber gut gemeistert und es war klasse.

Bite The Bullet aus Berlin fand ich auch super, leider waren wenig Leute anwesend. Es war aber auch früh...

Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass nie alle Besucher vor der Bühne waren, sondern maximal so 5000 oder 6000, der Rest war bestimmt gerade mit Saufen, Drogen nehmen oder sexuellen Handlungen beschäftigt.

Überall lagen mittlerweile Leute schlafend in Pisselachen, andere prügelten sich oder wankten mit vollgekackten Hosen vor der Bühne lang. Wieder andere liefen mit Gasmasken umher, oder so wie Gott sie geschaffen hatte (nur viel viel schmutziger), mit offenen Wunden oder bandagiert und jenseits von Gut und Böse.

Force Attack halt.

Unser tapferer Saxophonist war mittlerweile in höheren Sphären angelangt, ergab sich diversen Nahtoderlebnissen und begrüßte am Stand jeden zahnlosen Verwirrten mit den Worten: „Mensch, klasse dass DU hier bist“. Irgendwann musste ich fliehen, da das Niveau der Gespräche auf Grund seiner Zufallsbekanntschaften heftigst unterirdisch wurde. Zudem beschlossen junge Menschen, sich gegenseitig vor unserer Bude voll zu pinkeln.

Was die wohl alle so unter der Woche treiben?

Dann kam mein Highlight: die mir bis dahin völlig unbekannte Band Manos, irgendwo aus der Zone. Unglaublich. Kostümiert, musikalisch versiert, voller echtem Humor und einfach großartig, wieder hatte ich Lachtränen in den Augen. Das war absoluter Kult.

Vor allem ihr Lied gegen Umweltvergiftung, „kranker Tannenbaum“, welches nur aus Lärm, diesen beiden Worten und einem total kaputten Tannenbaum besteht, der irgendwann auf der Gitarre zerdroschen und ins Publikum gepfeffert wird. Oder der absolut sinnlose Hit „Hulle Wulle“, oder die 30 Fans auf der Bühne, die „Biene Maja“ singen wollen oder oder...Ganz, ganz groß.

Habe ich denen später auch noch erzählt, als ich sie am Bus traf, leider habe ich vergessen, wo sie herkamen.

Moskowskaya rockten das Zelt im Anschluss und dann kamen...OHL. Hmmm, hilfe. Toller Sound, spielen können sie, aber Lieder wie „Nieder mit dem Warschauer Pakt“ fand ich schon vor 25 Jahren sinnlos. Den Leuten hats gefallen, aber mir gibt das gar nichts. Genau darauf legt es die Band ja auch an, nun ja, meinetwegen.

Deren Sorgen möchte man haben, ehrlich.

The Valkyrians spielten Skinhead Reggae vom Allerfeinsten, leider waren auch hier wenig Leute im Zelt.

Das nervt echt: tolle, unbekannte Bands geben alles, keinen interessierts, dafür drehen alle durch, wenn die 08/15 Oi - Kapellen spielen. Arm.

Loikaemie waren im Anschluss für mich ein weiteres Highlight. Die geben alles, sind authentisch und halten für ihre Überzeugungen und Aussagen die Birne hin, bis zu körperlichen Angriffen durch die Scheiss-Nazis. Ausserdem rocken sie den Arsch.

Dass bei denen die Hölle los war, fand ich endlich mal richtig schön.

Leider kamen danach Pöbel und Gesocks...

Aber noch schnell zu den Trashcan Darlings im Zelt: drogenverseuchte, geschminkte Skandinavier spielen Stonerrock...wer´s braucht...Wollen die alle nicht verstehen, dass Turbonegro nicht zu toppen, geschweige denn zu kopieren sind?

Ach was soll´s?

Zurück zu Pöbel und Gesocks: beim ersten „Oi Oi Oi“ wachte selbst der letzte, seit Stunden im Koma liegende Kaputte auf und stürmte vor die Bühne, Schwerverletzte und Beinamputierte verliessen gegen ärztlichen Rat das Rot - Kreuz - Zelt und wankten los. Für mich der Beweis, dass im Prinzip im Punkrock die gleichen Gesetze gelten wie in der Volksmusik.

Nicht der Rede wert.

Mittlerweile hatten wir seit so vielen Stunden gezecht, dass ich mich entscheiden musste, was noch gehen sollte. Ich stopfte Nahrungsmittel in mich rein, soff weiter Bier und sah noch die Mimmis, ein weiterer Hoffnungsschimmer, dass nicht alle hier nur doof sind.

Sie spielten Lied auf Lied gegen die wachsende rechte Gefahr, gegen den Zeitgeist und Dummdeutschland. Sehr kernig und aufrecht.

Es beruhigte mich ungemein, dass hier mindestens genauso viel los war wie bei OHL oder Pöbel und Gesocks. Ich glaube, ich hätte sonst meine Stiefel verschenkt, die Lederjacke verbrannt und mir das nicht mehr vorhandene Haupthaar wachsen lassen, um als Barfusstänzer in einer Hippiekommune mein Glück zu suchen.

Noch ist Hoffnung...

Danach fiel ich in einen traumlosen Schlaf und musste mir niterher erzählen lassen, dass Spermbirds klasse waren...nun ja, was denn sonst?

 

Sonntag

Die Heimfahrt. Was soll man sagen? 7 Stunden durch strömenden Regen, Staus umfahren, Radio hören und doof kucken.

Volker musste dringend seinen Rausch ausschlafen, Claudia winselte ständig aus dem Fenster nach Hilfe und Sauer schrie in Hamburg an den Ampeln rum, dass diese „Scheissstadt“ den „Scheiss-HSV“ ihr eigen nennt.

Irgendwie bekamen wir keine Schläge, konnten weiter das Auto voll stinken (3 Tage keine Dusche!!!) und das war´s dann auch.

Ich hätte gerne noch mitbekommen, wie der Auftritt der Krawallbrüder verlief, die entgegen ihrem Namen mit fetten Autos und Wohnwagen angerollt kamen. Ich habe kein Interesse an Gerüchten etc, deshalb kann ich wenig zu der Diskussion sagen.

Gerne hätte ich 999 gesehen, denn das war eins meiner ersten Punkkonzerte, ca. 1981 in Wiesbaden.

Auch Zaunpfahl, Pestpocken, Meteors und andere habe ich verpasst, da Montag morgen die Pflicht rief. Lässt sich nicht ändern, mehr Urlaub hatte ich nicht.

Alles in Allem war es einfach klasse, hat sich gelohnt, Spass gemacht und wieder mal gezeigt, wie toll es ist, mit einer Bande Freaks auf Reisen zu gehen.

„Subculture til the end...“

Chris




(Wer an dieser Stelle noch weitere Erfahrungen mit dem "Force Attack " kundtun möchte, der/die schicke mir diese bitte per Email.)